Seit Juli 2016 darf ich den Bereich „Internet“ im ZDF-Fernsehrat vertreten. Was liegt da näher, als im Internet mehr oder weniger regelmäßig Neues aus dem Fernsehrat zu berichten? Eine Serie.
Mit öffentlichen Rundfunkbeiträgen finanzierte Dokumentarfilme sollen zukünftig vermehrt unter offenen Lizenzen veröffentlicht werden. Die Initiative „Docs for Democracy“ hat im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG DOK) jedoch nicht nur diese Forderung erhoben, sondern gleich einen ausgearbeiteten Vorschlag für ein neues „Produktions- und Distributionsmodell“ vorgelegt.
Die Eckpunkte des Modells sehen wie folgt aus:
- Eine konsequente Veröffentlichung aller im Rahmen dieser neuartigen Förderung entstehenden Programme unter Creative-Commons-Lizenzen, womit „Öffentliches Geld hier ohne Wenn und Aber zu öffentlichem Gut werden“ soll.
- Eine Aufstockung der Mittel für Dokumentarfilme aus Rundfunkbeiträgen und zwar mit einem Schwerpunkt auf lokalen und regionalen Produktionen (lt. AG DOK entfallen derzeit 0,77 % der Gesamteinnahmen der ARD auf dokumentarische Produktionen zwischen 10 und 90+ Minuten, beim ZDF sind es 2,4 %).
- Ein teil-randomisiertes Modell für die Vergabe von Produktionsgeldern: Eine Jury ermittelt alle grundsätzlich förderwürdigen Projekte auf Basis von Förderkriterien und wählt für jede Kategorie ein Projekt aus, die übrigen geprüften Projekte nehmen an einer Lotterie teil, durch die eine festzulegende Zahl weiterer Projekte gefördert wird.
- Eine eigene Plattform auf Open-Source-Basis soll nicht nur die Filme selbst zugänglich machen, sondern auch weiterführende Archivmaterialien zu den Themen der Filme einbinden können.
Schon aus dem klaren Bekenntnis zu Creative-Commons-Lizenzen folgt jedoch, dass der Aufbau einer eigenen Plattform im Vergleich mit den anderen drei Punkten von untergeordneter Bedeutung ist: Die offenen Lizenzen erlauben ja, dass Mediatheken und – je nach Lizenzbedingungen – auch kommerzielle Plattformen oder die Wikipedia die Filme bereitstellen dürften. Eine eigene Plattform hätte dem gegenüber eher den Charakter eines zentralen öffentlichen Archivs mit Zusatzmaterial.
Viele Gründe für freie Lizenzen

Konkret sieht der Vorschlag eine Lizenzierung unter Creative Commons BY-SA vor, die auch kommerzielle Nutzungen zulässt. Ein wesentlicher Vorteil dieser Lizenz gegenüber restriktiveren Lizenzvarianten ist, dass dadurch (Ausschnitte von) Dokumentarfilme(n) auch in Projekten wie der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia landen können oder in freien Lehr- und Lernunterlagen (Open Educational Resources, OER) verwendet werden können.
Als Begründung für ihren Vorschlag, der herkömmliche Finanzierungsmodelle nicht komplett ersetzen, sondern ergänzen soll, führt die Initiative folgende Punkte an:
- Themen müssen sich nicht mehr den noch aus der linearen Logik stammenden Formatzwängen unterwerfen.
- Form und Inhalt können hier wieder viel stärker aufeinander bezogen werden, kaum noch gesehene filmische Formen erleben eine Renaissance und neue Formen bekommen eine Chance.
- Die für kleine Produzent*innen komplizierte und langwierige Co-Produktionslogik wird obsolet. Deutliche Kostenersparnis bei Verwaltungskosten sind die Folge, was wiederum der eigentlichen Produktion zugutekommt.
- Für die meisten kleineren Produzent*innen/Indies lohnt ein internationaler kommerzieller Vertrieb kaum. Unter anderem auch deswegen nicht, weil viele ihrer Produktionen nicht marktgängig genug sind und auch gar nicht sein wollen.
- Die von den Sendern angebotenen Rechte als Kompensation für eine nur teilweise Finanzierung lassen sich in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle ohnehin gar nicht monetarisieren.
- Die derzeit oft unter Kostendeckung arbeitenden Produzenten erhalten bei diesem Modell die Herstellungskosten sowie mögliche Auswertungskosten fair finanziert.
Chancen für öffentlich-rechtliche Online-Angebote
Diese Punkte machen deutlich, was auch für viele andere Bereiche öffentlich-rechtlicher Produktionen gilt: Wo es an Zweit- und Drittverwertungspotentialen fehlt, sollten freie Lizenzen von der Ausnahme zur Regel werden. Besonders bemerkenswert an dem Vorschlag der AG DOK ist, dass er von den Kreativen selbst kommt. Damit sind jetzt die öffentlich-rechtlichen Anstalten am Zug, diesen Vorschlag aufzugreifen und damit freie Lizenzen im Dokumentarfilm zum Durchbruch zu verhelfen. Aus Perspektive der öffentlich-rechtlichen Anbieter lässt sich ebenfalls eine Liste an Punkten identifizieren, die für so eine Vorgangsweise sprechen:
- Schaffung von öffentlich-rechtlichem Mehrwert für die Beitragszahlenden, die viel mehr Nutzungsfreiheiten für mit ihren Beiträgen finanzierte Dokumentarfilme bekommen.
- Mehr Reichweite für öffentlich-rechtliche Dokumentarfilme in digitalen Plattform-Öffentlichkeiten: Mediatheken alleine können nie soviele Menschen erreichen wie Mediatheken gemeinsam mit kommerziellen und gemeinnützigen Drittplattformen wie YouTube oder Wikipedia.
- Vereinfachte Archivierung und Rechteklärung: Creative-Commons-lizenzierte Dokumentarfilme können jederzeit wieder ausgespielt werden, ohne dafür Rechte klären oder zusätzliche Vergütungen ausschütten zu müssen.
Let’s do this!
[Update, 13.2., 13:00 Uhr] Nach Erstveröffentlichung dieses Beitrags hat die Initiative ihren Vorschlag noch hinsichtlich der geplanten Creative-Commons-Lizenz aktualisiert. Die entsprechende Passage im Text wurde angepasst.
